Exzellenter Winter Tagebuch
Donnerstag, 26.03.26
Die letzten Wochen war mein Tagebucheintrag immer ein Marker dafür, wie viel Zeit wir noch haben: „Ach, ich muss erst ganz am Ende schreiben, das ist ja entspannt!“ Nach zwei Wochen dachte ich mir: „naja, Halbzeit, das ist schon noch lange.“ Tja, aus zwei Wochen wurde eine und heute Morgen wache ich auf und denke mir: „warte mal, ich bin heute mit Tagebuch dran, das heißt ja…“. Ja, genau, das heißt, dass die Famulatur fast vorbei ist. Verrückt!
Es wurde uns zwar im Vorfeld schon so angekündigt, aber ich glaube keiner hat damit gerechnet, dass der Monat wirklich so schnell vergeht. Man verbindet das ländliche Leben ja mit einem eher gemütlichen Tempo, so nach dem Motto „raus aus der hektischen Stadt, ich brauch mal wieder Entschleunigung“. Wenn man aber um 7 Uhr morgens das Haus verlässt und gefühlt erst kurz vorm Schlafengehen wieder zurückkommt, dann ist davon natürlich nicht ganz so viel spürbar. Das Verrückte ist, dass wir neben dem sowieso schon strammen Programm jede noch freie Minute freiwillig mit allen möglichen Aktivitäten gefüllt haben, sodass ich an manchen Tagen vom Haus nicht viel mehr gesehen habe als mein Bett.
Als mein Wecker mich heute Morgen unverschämterweise mal wieder eine gute Stunde zu früh aus dem Schlaf reißt, wache ich mit genau dieser typischen Mischung aus Erschöpfung und Lust auf den Tag auf, die mich schon den ganzen Monat begleitet. Nachdem ich gestern dummerweise vergessen habe, mir Frühstück vorzubereiten, wird mir zum Glück mit einer kleinen Portion Porridge ausgeholfen, die mich durch den Vormittag in der Sprechstunde trägt.
In der Praxis angekommen, teilen meine Ärztin und ich uns wie gewohnt auf, mittlerweile fühlt sich das schon ziemlich routiniert an. Ich mag es, dass jeder Patient in das Behandlungszimmer kommt und absolut alles haben könnte, eine Art medizinische Überraschungstüte quasi. Ich glaube, dass ich in der Zeit hier viel übers Zuhören gelernt habe: Anstatt immer weiter nachzuhaken, fange ich irgendwann einfach an, die Patienten zu untersuchen, und meistens erzählen sie ganz von alleine noch mehr. Oft entwickelt sich dann im Verlauf des Gesprächs ein Bauchgefühl, in welche Richtung das Problem gehen könnte, auch wenn mir am Anfang noch viel unscharf und diffus vorkommt. Heute sind die Fälle eher unspektakulär, ein viraler Infekt hier, eine unkomplizierte Mittelohrentzündung dort, ein oder zweimal muss Google Translate aushelfen. Irgendwie machen diese simplen Sachen aber auch Spaß, weil man das erste Mal im Studium das Gefühl hat, Patienten Handlungsempfehlungen geben zu können, ohne sich unsicher zu fühlen oder groß Supervision zu brauchen. Nachdem die letzte Patientin gegangen ist und das Wartezimmer plötzlich groß und leer aussieht, habe ich noch ein bisschen Wartezeit, bis ich abgeholt werde, und überbrücke sie mit einer Folge vom Amboss-Podcast. Würde ich zuhause niemals machen, aber dadurch, dass der Praxisalltag so, naja, praxisnah ist, habe ich viel mehr Energie, um mich mit Themen zu beschäftigen, die mich eigentlich total interessieren, für die aber während des Semesters kaum Zeit bleibt.
Schließlich kommt meine Fahrgemeinschaft an und wir fahren gemeinsam nach Hause, wo sich jeder schnell etwas zum Mittagessen macht, bevor es direkt wieder losgeht: Schon seit Ewigkeiten nehmen wir uns vor, mal das Glasdorf zu besuchen, an dem wir auf dem Weg zu und von den Teachings ständig vorbeifahren. Ein Glasbläser zeigt uns in einer kostenlosen Demonstration, wie er eine Kugel, eine Vase und einen kleinen Vogel anfertigt, und dann dürfen wir auch selber ran. Wir suchen uns Farben aus und stellen unter den wachsamen Augen des Meisters simple Kugeln mit einer langgezogenen Öffnung her, die man später als „Durstkugeln“, sprich als laienhaftes Bewässerungssystem für Pflanzen benutzen kann. Nachdem wir ein bisschen durch die riesigen, bis zur Decke mit Glasobjekten vollgepackten Ausstellungsräume flaniert sind und uns mit Souvenirs und Kuchen versorgt haben, geht es auch schon wieder nach Hause.
Langsam wird es Zeit für die ersten Vorbereitungen für die Abreise: Wir verkochen alle Reste in einer improvisierten Ofengemüse-Kreation, backen Cookies als Dankeschön für unsere Praxen, schreiben Abschiedsworte auf unsere Collagen. Nach dem wahrscheinlich letzten Spieleabend, der für uns längst zur Tradition geworden ist, gehen wir ins Bett, ein bisschen melancholisch vielleicht, aber vor allem glücklich und dankbar für die besondere Zeit.


