Exzellenter Winter Tagebuch
Mittwoch, 07.10.2026
Mein Fahrer, ein anderer Famulant der Landarztmacher, durfte heute eine Stunde länger schlafen. Ich habe für ihn mit meiner einheimischen Mitpraktikantin der Woche Freundschaft geschlossen, die 5 Autominuten entfernt in Grafenau wohnt.
In der Klinik ging es direkt an die Blutentnahmen, quatschen hatten wir bereits auf der Fahrt abgehakt. Der Patient, bei dem ich gestern intensiv geübt hatte bis Assistenzarzt ran musste, wurde heute beim ersten Versuch getroffen. Technik beim Assistenzarzt abgeguckt, umgesetzt, so soll die Famulatur ablaufen.
Nach kurzer Visite ging es in die Sprechstunde der Viszeralchirurgie. Ich weiß jetzt deutlich mehr über die Versorgung von Hämorrhoidalknoten, als ich je zu wissen dachte. Einem Patienten habe ich außerdem Blut abgenommen, der sich mit einem bayerischen „O’zapft is!“ bedankt hat.
Danach bin ich mit der Praktikantin zur Praxis eines Landarztmacher-Teilnehmers gefahren, um Sono zu üben. Die anderen hatten schon reichlich Übung, ich nicht, also gab es Nachhilfe am Schallkopf. Hat sich gelohnt. Danach noch Balint-Gruppe.
Zur Feier des letzten Teachings ging es zum Italiener in Schönberg, der heute wohl seine ersten beiden veganen Pizzen überhaupt gebacken hat. Wir waren quasi Versuchskaninchen mit Appetit.
Zu Hause wurde dann noch gebacken: Die Backlast ist fair auf Mittwoch und Donnerstag verteilt, zu viele Köche gab es somit nie in der Küche.
Der Praxistag begann heute wieder um 8 Uhr und irgendwie war es ein komisches Gefühl, in die Praxis mit dem Gefühl zu gehen, dass die vier Wochen Famulatur tatsächlich bald zu Ende sind, zu gehen. Auf der Autofahrt habe ich darüber nachgedacht, wie viel ich in dieser Zeit erlebt, gelernt und für mich mitgenommen habe. Gleichzeitig fühlt es sich so an, als wäre die Zeit einfach vor sich hin geflogen und plötzlich ist schon fast alles vorbei. Deshalb wollte ich heute in der Praxis jede Stunde noch einmal richtig genießen und so viel wie möglich an Erfahrung mitnehmen.
Während der Sprechstunde durfte ich relativ schnell die ersten Untersuchungen selbstständig durchführen und auch den Verbandswechsel übernehmen. Besonders gefreut hat mich, dass ich heute sogar von einem Unfallchirurgen gelobt wurde, der mit seiner Tochter zum Verbandswechsel da war. Er meinte, dass er meinen Auftritt und meine Art sehr kompetent empfunden habe. Solche herzlichen Rückmeldungen erfreuen einen natürlich sehr und geben einem noch einmal zusätzlich das Gefühl, dass man sich tatsächlich weiterentwickelt.
Ein Moment, der mir besonders im Kopf geblieben ist, war, als ich selbstständig eine Pathologie am Ohr erkannt habe. Mit dem Otoskop habe ich mich ehrlich gesagt relativ unsicher gefühlt, doch als ich dann die Pathologie richtig erkannt habe, bemerkte ich, dass ich mich während der Famulatur an einen Punkt entwickelt habe, an dem ich in einer Schwäche sicherer geworden bin.
In meiner Mittagspause habe ich dann noch einmal eine ganz andere Seite der Famulatur wahrgenommen. Auf dem Weg zu dem Dönerstand in der Nähe der Praxis erkannte mich ein Patient wieder und fragte mich, ob ich schon so früh Feierabend hätte. Ich erklärte ihm, dass ich nur meine Mittagspause draußen verbringe, und so kamen wir kurz in ein freundliches Gespräch. Danach grüßten mich auf der Straße noch weitere Passanten und als ich schließlich meinen Döner gegessen habe, wünschten mir sogar weitere Passanten noch einen guten Appetit. Eigentlich waren es nur kleine Begegnungen, aber sie haben mich trotzdem sehr berührt. Man lebt hier miteinander und nicht nur aneinander vorbei, so wie ich es sonst in Berlin gewohnt bin. Die Menschen kennen sich, grüßen sich, fragen nacheinander und schenken so einem das Gefühl, auch als kurzfristige Famulantin ebenfalls einen Platz in dieser Gemeinde zu haben.
Nach der Mittagspause fand in der Praxis das Teaching zur Balint-Gruppe statt. Dabei haben wir anhand konkreter Fälle über Situationen reflektiert, die uns emotional beschäftigt oder belastet haben oder die wir gerne noch einmal in der Gruppe aufarbeiten wollten. Ich fand es schön, dass gerade das letzte Teaching diese Möglichkeit geschaffen hat, die vergangenen Wochen noch einmal gemeinsam zu reflektieren. Es war eine gute Gelegenheit, über Erlebtes zu sprechen, Dinge einzuordnen und vielleicht auch etwas auszusprechen, das man sonst einfach mitgenommen hätte, damit man Nicht-Gesagtes nicht einfach weiter im Herzen zu tragen muss.
Nach dem Praxistag sind wir als gemeinsames Haus zu viert noch in den Bayerischen Wald gefahren, um dort den Baumwipfelpfad zu besuchen. Zwischen den hohen Bäumen und dem vielen Grün fühlte es sich fast ein bisschen wie eine andere Welt an. Gleichzeitig hat sich an manchen Stellen schon der Herbst angekündigt und ich habe mich gefragt, wie schön der Wald wohl in einem Monat aussehen wird, wenn sich die Farben richtig verändert haben.
Das Highlight war für mich eine große hölzerne Kuppel, die man immer weiter nach oben laufen konnte, bis man schließlich auf der Aussichtsplattform stand. Von dort oben hatte man einen weiten Blick über die Natur und die umliegenden Dörfer. Für einen Moment stand man dort oben und war ungefähr so hoch wie die Bäume des gesamten Waldes.
Und nach solchen tagen ist vielleicht genau das der Grund, warum es sich gerade so komisch anfühlt, dass diese Zeit bald vorbei ist.




