Exzellenter Winter Tagebuch
Montag, 09.03.26
Der erste Wecker geht wie immer um sechs. Nacheinander verschwinden wir in morgendlicher Stille im Bad, frühstücken und packen unsere Brotdosen für den Praxistag.
Da der Nebel heute nur in den Tälern liegt, hat man auf der Autofahrt eine gute Aussicht und kann mit einem guten Blick über das Rottal in den Tag starten.
Die Ankunft in der Praxis fühlt sich schon sehr vertraut an. Flott sind Kasack und Hose angezogen, das Stethoskop eingesteckt und es kann losgehen. Es ist erstaunlich, wie viel man jeden Tag dazu lernt, Handlungsweisen schnell als gesetzte Routine ansieht und dadurch zunehmend auf Dinge achten kann, die einem vorher nicht aufgefallen sind.
Neben fachlichen Aspekten empfinde ich es vor allem für die Beziehung zu den Patienten als bereichernd, dass in unserer Praxis mehrere ÄrztInnen arbeiten, die bereit sind, Studierenden Einblicke in ihre Arbeitsweise zu geben. Die Vielfalt hat mir verdeutlicht, dass es zwar Dinge gibt, die ich in jedem Fall für wichtig halte, dass es aber auch zur persönlich-beruflichen Entwicklung gehört, einen authentischen persönlichen Stil zu finden (den es natürlich trotzdem immer wieder zu hinterfragen gilt). Interessanter Weise wurde genau das im vergangenen Samstags-Teaching thematisiert und beschäftigt mich dadurch heute besonders.
Insgesamt fällt mir auf, wie gut das persönliche Lernen dadurch unterstützt wird, dass Inhalte in verschiedenen Settings besprochen und erarbeitet werden können: Zusehen und Nachfragen in der Praxis, Unterhaltungen beim Abendessen und Schwerpunktsetzungen im Rahmen der Teachings erlauben unterschiedliche Blicke auf Themenfelder, die sich sehr gut ergänzen.
Bevor die letzte Person an ihrer Praxis eingesammelt wird, erledigen der Rest der Fahrgemeinschaft den gemeinsame Großeinkauf. An der Unterkunft angekommen, gehen wir zunächst unterschiedlichen Beschäftigungen nach: Teaching-Recherche, Thermenbesuch, Joggen und Stabi-Übungen, Telefon-Sparziergang und Klausurvorbereitung haben jetzt Raum. In einem Dorf entdecke ich beim Laufen eine Kirche und genieße einen Moment Stille.
Vor dem gemeinsamen Kochen gibt es noch eine schnelle lustige Runde Tischtennis auf der hofeigenen Platte und als der letzte Topf abgewaschen ist, zeigt die Uhr 22:30 Uhr. Zeit, um Richtung Bett zu gehen.
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Voller Motivation sind wir in die neue Woche gestartet – auch wenn der Morgen mit einem kleinen Abenteuer begann. Einige der anderen waren schon früher losgefahren und hatten uns dabei versehentlich von außen ausgesperrt. Nach kurzem Rätseln blieb uns nichts anderes übrig, als einen kleinen Umweg über den Garten zu nehmen, um wieder ins Haus zu gelangen und schließlich auch den letzten beiden aufzuschließen, die sich nach uns auf den Weg machen wollten. Ein etwas ungewöhnlicher Start in den Tag, der aber zumindest für gute Stimmung sorgte.
Der Montag ist unser reiner Praxistag. Dadurch hat man die Gelegenheit, den gesamten Ablauf in einer hausärztlichen Praxis mitzuerleben und vieles von dem praktisch anzuwenden, was wir in den Teachings lernen. Ich bin in einer größeren Praxis eingesetzt, in der mehrere Behandlungsräume parallel genutzt werden. Wenn ein Raum frei ist, darf ich – natürlich mit Einverständnis der Patientinnen und Patienten – manchmal schon selbst mit der Anamnese und ersten Untersuchungen beginnen. Anschließend hole ich eine der Ärztinnen oder einen der Ärzte dazu, stelle den Patienten vor und berichte, welche Befunde ich bereits erhoben habe.
Auch wenn wir erst am Anfang der zweiten Woche stehen und alles noch unter enger Supervision stattfindet, durfte ich heute bereits verschiedene praktische Tätigkeiten übernehmen: Anamnesegespräche führen, EKGs schreiben, Blut abnehmen und eine Lungenfunktionsprüfung durchführen. Neben den klassischen hausärztlichen Krankheitsbildern –mehrere Patientinnen und Patienten mit grippalen Infekten, Rückenschmerzen oder gastrointestinalen Beschwerden – gehören natürlich auch Routinekontrollen zum Alltag, etwa im Rahmen von DMP-Programmen zur Betreuung chronisch kranker Patientinnen und Patienten. Ein besonders interessanter Fall war heute ein Patient mit Wolff-Parkinson-White-Syndrom. Ich durfte bei ihm selbst ein EKG schreiben, ohne die Diagnose vorher zu kennen. Die typischen Veränderungen habe ich ehrlicherweise nicht erkannt – umso lehrreicher war es, das EKG anschließend gemeinsam zu besprechen. Passend dazu steht morgen ein EKG-Teaching auf dem Programm. Außerdem durfte ich Teile einer arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung für einen freiwilligen Feuerwehrmann vorbereiten, eine sogenannte G26-3-Untersuchung für Tätigkeiten mit schwerem Atemschutz. Dazu gehörten unter anderem die Anamnese, ein Ruhe-EKG sowie eine Lungenfunktionsprüfung. Die endgültige arbeitsmedizinische Beurteilung erfolgt natürlich durch den Arzt, aber es war spannend, die einzelnen Bausteine dieser Untersuchung einmal praktisch mitzuerleben. Auch kleinere chirurgische Nachsorgen gehörten heute dazu. Zwei Patientinnen und Patienten stellten sich zur Kontrolle nach Exzision eines Sinus pilonidalis vor. Vor dem Eintreffen des Arztes führte ich zunächst das Gespräch, begutachtete die Wunde, reinigte sie vorsichtig mit Wasserstoffperoxid und spülte anschließend mit NaCl. Gemeinsam wurde dann das weitere Vorgehen festgelegt, unter anderem mit Thromboseprophylaxe mittels Clexane 4.000 IE für zehn Tage, Ibuprofen bei Bedarf sowie Kamillosan-Wund- und Heilbädern. Ein anderer Fall führte mich diagnostisch kurz auf eine falsche Spur: Eine Patientin stellte sich mit einer Rötung am Oberschenkel vor und berichtete, bereits früher eine Borreliose mit Erythema migrans gehabt zu haben. Aufgrund der Vorgeschichte dachte ich zunächst differenzialdiagnostisch ebenfalls an ein erneutes Erythema migrans, allerdings war die Rötung nicht typisch ringförmig begrenzt. Letztlich
stellte sich heraus, dass es sich lediglich um einen harmlosen Stich einer Kriebelmücke handelte.
Kurz vor Feierabend durfte ich noch eine Abdomensonographie bei einer Patientin mit bekannten Nierensteinen durchführen, die sich wegen Rückenschmerzen vorgestellt hatte. Bis der Arzt dazukam, hatte ich immerhin schon die rechte Niere darstellen können – ein kleiner Erfolg, der vor zwei Wochen noch deutlich schwieriger gewesen wäre. Neben den medizinischen Eindrücken gibt es für mich auch eine ganz persönliche Herausforderung: Deutsch ist nicht meine Muttersprache, und gerade am Anfang hatte ich etwas Respekt vor möglichen Sprachbarrieren im Patientengespräch. Zum Glück sind die MFAs unglaublich herzlich und geduldig. In den Pausen bekomme ich mittlerweile sogar einen kleinen
„bayrischen Sprachkurs“, inklusive Ausdrücke, die man so wahrscheinlich in keinem Lehrbuch findet.
Unser Auto war heute das letzte, das wieder am Ferienhaus ankam – erst gegen halb acht. Umso schöner war es, dass einige der anderen Studierenden, die früher zurück waren, bereits eingekauft und ein großes Curry gekocht hatten. Der Tisch war gedeckt und man hatte praktisch mit dem Essen auf uns gewartet. In diesem Moment fühlte es sich fast ein bisschen an wie „Hotel Mama“ – nur eben mit einer Gruppe Medizinstudierender.
Nach dem Essen ging es allerdings noch einmal zurück an die Arbeit: Morgen steht ein EKG-Teaching an, also haben wir uns gemeinsam zusammengesetzt und einen kleinen Crashkurs veranstaltet. Besonders spannend ist dabei, dass wir fast alle von unterschiedlichen Universitäten kommen. Dadurch hat jede und jeder andere Merksprüche, Lernstrategien oder kleine Tricks im Kopf. Genau dieser Austausch macht das gemeinsame Lernen hier so wertvoll. So ging ein langer, aber sehr lehrreicher Montag zu Ende – mit vielen neuen Eindrücken aus der Praxis und einer guten Portion Vorfreude auf den morgigen Tag.




