Exzellenter Winter Tagebuch
Freitag, 08.03.2024
6:30 Uhr. Ich wache ausnahmsweise mal vor dem Wecker auf. Unten scheppert es. Man hört Gelächter aus der Küche. Eigentlich sollte ich um diese Uhrzeit schlechte Laune haben, aber irgendwie freue ich mich sogar aufs Aufstehen, das ist eins der positiven Dinge die man erlebt, wenn man mit 8 Leuten, die man sehr mag, gemeinsam in einem Haus wohnt. Nach fast 2 Wochen in unserem gemütlichen kleinen Haus in Waldmünchen, sind wir alle sehr eng zusammengewachsen. Die klassische Morgenroutine, die daraus besteht, dass sich jeder nacheinander einen Kaffee aus unserem schwer arbeitenden Automaten zieht, ist schnell abgehandelt und schon sind die Leute auf ihre Autos verteilt und fahren los. Alle bis auf mich. Ich habe mich dazu entschieden, heute zur Praxis zu laufen. Da meine Hausärztin erst um 9 Uhr anfängt, ich allerdings in einem Auto mitfahre, dass bereits um 7:15 Uhr an der Praxis hält, muss ich mich entscheiden. Entweder ich lege mich in der warmen Praxiswohnung aufs Sofa, mache mir einen Kaffee und frische mein Wissen in Allgemeinmedizin auf, oder ich erledige mein Sportpensum für den Tag und jogge in meine 17 km entfernte Praxis. An dem meisten Tagen läuft es auf Ersteres hinaus, aber heute Morgen hat mich die Motivation gepackt. Für die Strecke brauche ich rund 1,5 Stunden, also laufe ich 7:15 Uhr los. Und tatsächlich hat Wolfgang in seiner Beschreibung des Bayrischen Waldes nicht übertrieben. Auf der Strecke durch Felder, Wald und kleine Dörfer begegnen mir an diesem Morgen alleine 3 Rehe. Zudem mindestens die gleiche Menge an Traktoren, die Gülle auf dem Feld verteilen. Und einige Rentner bei Ihrem Morgenspaziergang, die mich verwirrt anschauen und sich wahrscheinlich fragen, wer zu dieser Uhrzeit durch die Gegend rennt.
Als ich um 8:30 Uhr in Tiefenbach ankomme, dusche ich erstmal heiß in der Wohnung über der Praxis, die meiner Hausärztin gehört und in der sonst auch die Famulanten schlafen. Eigentlich habe ich vor, danach nochmal kurz das Sono Buch durchzugehen, da heute sicher wieder einige Sonos auf der Tagesordnung stehen werden, doch auf einmal kommt eine aufgeregte MFA in die Wohnung. Ich soll sofort in das Haus die Straße hinuntergehen und einige Unterlagen mitnehmen. Meine Ärztin ist gerade dort angekommen. Eine dort wohnhafte Patientin ist wohl diese Nacht verstorben und wurde diesen Morgen vom Pflegedienst aufgefunden. Nun müssen wir die Leichenschau machen und den Totenschein ausfüllen. Es ist das erste Mal, dass ich außerhalb von Vorlesungen und dem Präparierkurs eine Leiche in ihrem häuslichen Umfeld sehe. Es sieht tatsächlich genauso aus, wie in der Rechtsmedizin Vorlesung, man sieht Totenflecken und Leichenstarre, alles wie im Lehrbuch…doch das Ganze in so einem persönlichen Umfeld zu erleben, macht die ganze Situation auf einmal sehr anders. Es kostet mich etwas Überwindung, professionell zu bleiben. Umso erleichternder ist es zu sehen, dass es meiner Ärztin genauso geht. Als Hausarzt ist es wohl Fluch und Segen zugleich, seine Patienten so gut zu kennen und zu den meisten einen engeren Draht zu haben.
Nach dieser intensiven Erfahrung werde ich dann allerdings durch den übrigen Praxisalltag gut abgelenkt. Es stehen mehrere Sonos an und genauso viele hilfsbereite Patienten, die einen gerne an sich üben lassen, um einen Beitrag zur Weiterbildung der zukünftigen Ärzte zu leisten. Eine der schönen Erfahrungen die man in der Praxis macht. Doch auch hier will nicht immer alles klappen und man muss sich auch mit Niederlagen auseinandersetzen; während ich Minuten lang vergeblich nach der Gallenblase suche, diese sich aber einfach nicht finden lässt, hat meine Ärztin diese binnen Sekunden auf dem Bildschirm. Die Patienten und die Arbeit sind wirklich vielfältig. Von einer vermeintlichen Thrombose, über eine Depression, bis hin zu einer Lungenembolie ist heute Morgen alles dabei. Die meisten Patienten darf ich alleine sprechen und mit ihnen Anamnese und Untersuchungen machen. Und falls ich Abwechslung brauche und mal Lust bekomme, handwerklich aktiver zu werden, gibt es jederzeit genug Blut zum abnehmen und Impfungen zu verteilen. Mittags drehen wir dann noch eine Runde durch das Dorf und besuchen einige Patienten, die es nicht in die Praxis schaffen. Im Altenheim geht momentan die Grippe um, das hält die Patientinnen aber trotzdem nicht davon ab, Krapfen zu backen und auch großzügig zu verteilen. So ist das Mittagessen auch schon gesichert. Schließlich werde ich gegen 14 Uhr von meiner Ärztin nach Hause gefahren und auf einmal steht ein ganzer freier Freitag Nachmittag bevor…so viel Freizeit kann manchmal überfordern. Nach einer Stunde auf der Couch, bestehend aus Nichtstun, beschließen wir, unseren Bollerwagen mit einem Kasten tschechischen Bier zu beladen und hinunter zum See zu ziehen und die restlichen Sonnenstunden zu genießen. Zudem müssen neben den fachlichen Skills in dieser Famulatur auch die Flunky Ball Fähigkeiten für die nächsten Medimeisterschaften verbessert werden.
Als die Sonne untergeht, machen wir uns auf den Rückweg zu unserem 40 Minuten entfernten Heim. Jetzt wird vegane Bolognese gekocht und plötzlich ist es auch schon 10. Die verbleibenden Stunden werden auf der Couch vor dem Fernseher verbracht und dann setzt schon das schlechte Gewissen ein, ins Bett gehen zu müssen, um nicht wieder mit Schlafentzug ins morgige Teaching zu starten.