Exzellenter Sommer Tagebuch
„Was?!?! Schon Mittwoch?“ hab ich gestern beim Aufstehen gedacht…
Die letzten 4 Wochen sind wirklich wie im Flug vergangen – auch wenn ich das anfangs gar nicht so gedacht hätte. Kaum vorstellbar, dass die Anfangsaufregung und der daraus entwickelte 21er-WG-Alltag im Gästehaus Gierl mit einem Mal bald vorbei sein sollen und wir alle wieder individuellere Leben leben müssen – oder dürfen? Das liegt wohl im Auge des Betrachters…
Ich soll heute über den 5.10. berichten. Leider bin ich gestern recht plötzlich und heftig durch das größte Berufsrisiko des Gesundheitswesen – die Erkältung – niedergestreckt worden und habe zur Vermeidung einer weiteren Infektionsverbreitung meinen Aufenthalt frühzeitig beendet. So liegt mein Betrachtungsauge eindeutig auf der „Müssen“-Seite, denn ich hätte das Projekt sehr gern noch gemeinsam mit den ganzen lieben Menschen und neu gewonnen Freund*innen zu Ende gebracht.
Da ich am heutigen Tag entsprechend einfältig mit gesund-werden beschäftigt war, erzähle ich lieber etwas über einen meiner anderen Praktikumstage, an dem wir ebenfalls eine Teaching-Einheit „Fällevorstellung“ hatten und hoffe die Leserschaft begnügt sich mit diesen Ausführungen:
Es ist 6:30 Uhr und unser Zimmer wird durch immer penetranter werdendes Vogelgezwitscher aus meinem Handy geweckt. Nachdem wir alle 3 noch weitere fünf Minuten dösen, packt eine nach der anderen der Rappel: Aufstehen, anziehen, Frühstück herrichten und sich durch das morgendliche Horoskop der Thüringer Allgemeinen auf den Tag einstimmen. Gegen 7:20Uhr findet sich meine Fahrgemeinschaft in Sam (dem Auto) ein und wir fahren durch die nebelverhangene Hügellandschaft Richtung Viechtach und von dort weiter nach Regen in unsere Praxen.
Als ich in der Praxis ankomme, herrscht bereits geschäftiges Treiben, es wird Blut abgenommen, EKGs werden geschrieben und Dr. Höllein bespricht schon das erste Langzeit-EKG.
Mein Ziel in dieser Famulatur war es, eigenständig Anamnesen zu erheben, erste Diagnostik- und Therapieschritte zu überlegen und diese vorzustellen. Dazu habe ich hier jede Menge Gelegenheit: Sabine, die MFA, die heute die Patienten in den Zimmern platziert, begrüßt mich und sagt: „Dein erster Patient sitzt im Sono“. Los geht mein Tag mit einem Mann, der seit 3 Tagen Schmerzen im rechten Unterbauch hat. In meinem Kopf leuchtet das Lämpchen „Appendizitis“. Meine Anamnese und Untersuchung (incl. aller 6 Appendizitis-Zeichen) ergeben nichts weiter als diese sehr lokal-begrenzten rechtsseitigen Unterbauchbeschwerden. Alles andere sei unverändert, Stuhlgang und Miktion so wie immer und schlapp fühle er sich auch nicht. Da ich noch etwas Zeit habe und neugierig bin, halte ich den Ultraschall-Kopf auf die schmerzhafte Stelle. Leider sehe ich außer undefinierbaren Grautönen heute nicht viel. Gott sei Dank kommt Dr. Höllein dazu und während ich den Patienten mithilfe meiner bereits dokumentierten Anamnese vorstelle, sehe ich in der Akte, dass 2015 eine Chronisch-Entzündliche Darmerkrankung (CED) diagnostiziert wurde. Davon hatte der Patient gar nichts erzählt! Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich meine Frage nach Vorerkrankungen auch sehr beiläufig und unscharf gestellt…. – Wieder was gelernt! Auch der Profi sieht im Sono nur etwas mehr Luft in den Darmschlingen, als gewöhnlich. „Und was machen wir jetzt?“ werde ich gefragt. Ich erläutere meine differentialdiagnostischen Überlegungen, zu Appendizitis und einer Exazerbation der CED und schlage eine Blutentnahme zur Überprüfung der Entzündungsparameter und etwas zur Beruhigung des Darms vor. Dr. Höllein nickt, erklärt dem Patienten nochmals unsere Überlegungen, vereinbart mit ihm eine telefonische Besprechung der Laborwerte am Folgetag. Er bittet den Patienten, sich bei einer Verschlechterung unbedingt nochmal vorzustellen. Anschließend kann ich noch ein paar inhaltliche Fragen stellen.
Es folgen einige Patienten mit Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Übelkeit und Schwindel und beliebiger Zusammensetzung und ich merke, wie sich mein Vorgehen mit jedem Patienten etwas mehr festigt. Gemeinsam gehe ich mit Dr. Höllein zu einem Patienten, der im Verbandszimmer darauf wartet, dass ihm die Fäden einer Platzwunde an der Nase gezogen werden. Der Patient berichtet zerknirscht über den Unfallhergang auf dem Münchner Oktoberfest alias einem Fahrradsturz und der anschließenden schmerzhaften chirurgischen Versorgung. Trotz seiner Skepsis, dass das Fäden-Ziehen genauso schmerzhaft werden könnte, darf ich sie entfernen – zu unser aller Wohle komplikationslos und zumindest schmerzARM.
Während der letzten Stunden ganz im Arbeitsflow versunken, bin ich ganz überrascht, als ich auf die Uhr schaue: 12 Uhr! Ich muss los – die anderen einsammeln, denn um 14 Uhr ist Teaching in Viechtach. Nach einer kurzen Mittagspause mit den Essenresten des Vortags zurück in Pfaffenzell starten wir in die 2. Runde Fällevorstellung mit einer Assistenzärztin der Inneren Medizin. Ein paar von uns haben Fälle aus ihren Praxis mitgebracht und gemeinsam mit der Dozentin gehen wir den Fall Schritt für Schritt durch. Wir überlegen uns Differentialdiagnosen zu den genannten Leitsymptomen und kommen durch eine gründliche Anamnese auf 2-3 Verdachtsdiagnosen. Wir diskutieren das weitere diagnostische Vorgehen, lassen uns die Untersuchungsergebnisse erzählen. Schließlich kommen wir auf das zugrunde liegende Krankheitsbild und das therapeutische Vorgehen. Dieses Schema spielen wir anhand von 5 Fällen durch und nach drei Stunden rauchen uns sowas von die Köpfe! Aber lehrreich, anschaulich und praxisnah war es – da sind wir uns alle einig.
Ich mache noch einen Spaziergang aufs Feld und schaue mir den Sonnenuntergang an. Als ich später aus der Dusche komme, wird es im Gemeinschaftsraum plötzlich wuselig und laut: 21 leere Mägen wollen gefüllt werden und ganz egal an welchem Tag: Das Essen war absolut lecker!
Abends spielen die einen Werwolf, die anderen machen ausgedehnte Spaziergänge unterm Sternenhimmel oder telefonieren noch mit ihren liebsten und ein weiterer Tag neigt sich dem Ende entgegen… bis morgen früh zum letzten Mal um 6:30 der Wecker klingelt.